7. Tag (Donnerstag)

Lisa ist in ihrer schlimmsten Phase angekommen. Sie heult mitten in der Nacht und klopft an die Wände. Tagsüber ist stundenlang das Klo versperrt und sie hört viel zu laut Evanescence. Einmal kreischt sie so laut, dass ich denke, sie bekommt eine Nachricht von einem schlimmen Schicksalsschlag.

Sie redet immer weniger und man sieht ihr an, dass sie unglaublich leidet.

“Kannst du für mich da sein?” Ohne zu wissen, was sie damit meint, sage ich “Ja”. Sie setzt sich in die Küche und schweigt.

Um die Stille zu brechen, räume ich einen Topf hervor und ziehe die letzte Packung Käse aus dem Kühlschrank. “Hast du Hunger?”, frage ich etwas unbeholfen. “Das ist lieb von dir.” Ich schütte die Nudeln in das kochende Wasser und setze mich wieder zu ihr.

“Weißt du… Es ist nicht einmal, dass er mich betrogen hat. Sondern, dass es ihm so gar nichts ausgemacht hat. Kannst du das verstehen?”

Natürlich kann ich nicht verstehen, was es bedeutet, zehn Jahre mit jemandem zusammen zu sein und dann einen solchen Schlag zu bekommen. Ich entgegne also nur: “Ich glaube schon. Habt ihr denn noch Kontakt?”

“Er hat mir nur geschrieben, dass er heute alles abholt. Würdest du das bitte übernehmen?”

Ich gehöre nicht zu den Menschen, denen solche Dinge unangenehm sind, deswegen stimme ich sofort zu.

“Danke, er kommt 15 Uhr. Ich hab ihm gesagt, dass er bis spätestens 17 Uhr fertig sein soll.”

Ich frage Lisa, ob sie sonst noch etwas von ihm gehört habe.

“Nein. Nichts.”

Wir essen wortlos Nudeln mit Ketchup und Käse – auch mit 25 Jahren noch eine ungeschlagene Leibspeise von mir. Das Ticken ihrer Armbanduhr macht mich etwas nervös.

“Was machst du heute noch?”, frage ich sie, um Normalität bedacht. Sie schaut mich an und weint schließlich.

Mit brechender Stimme sagt Lisa: “Danke, Jonas. Für alles.” Sie verlässt die Küche, mich und ihren halbvollen Teller Nudeln.

(Später.)

Es klingelt. Lisa sitzt mittlerweile wieder starr in der Küche. Ich begrüße Pascal wie immer: Nicken, Handschlag, kurzer Blickkontakt. Er hat eine riesige Sporttasche mit und wirkt befreit. Er stellt seine Schuhe vor der Wohnung ab. Das fällt mir auf, weil er dies vorher noch nie getan hat.

Zielgerichtet geht er in Lisas Zimmer und packt seine Sachen ein. Nach zehn Minuten ist er fertig und verabschiedet sich mit den Worten: “Dank dir. Wir sehen uns!”

Die Tür fällt ins Schloss und Lisa lacht. Für einen Moment denke ich, sie ist übergeschnappt.

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