6. Tag (Mittwoch)

Dem verblichenen DIN A4-Blatt kann man entnehmen, was heute ansteht: “Willkommensveranstaltung zum Beginn des Referendariats”. Von befreundeten Referendar:innen weiß ich bereits, wie dieser Tag ablaufen wird – und so ist es dann auch.

In einem viel zu kleinen Raum schwören wir auf den Staat und unseren Dienstantritt. Diese Szenerie wirkt so grotesk, dass ich unwillkürlich lachen muss. Innerlich. Ich bin damit sicher nicht allein.

Nicht weit von der Lehrerausbildungsstätte besuche ich direkt im Anschluss den Mittelklasseladen “Thai 95”. Ich bestelle aus Bequemlichkeit M1 und setze mich gelangweilt an meinen Tisch.

“Vollkommen überflüssige Veranstaltung, oder?”, erklingt es unerwartet in meinem Ohr. Es stellt sich heraus, dass mich einer der anderen Referendare aus der Einführungsveranstaltung wiedererkannt hat. “Jasper – und wer bist du?”, fragt er eine Spur zu laut. Ich nenne ihm meinen Namen und hoffe, dass er sich jetzt nicht zu mir setzt. Ein paar stille Minuten für mich könnte ich gut gebrauchen. Ich habe kein Glück.

Jasper ist riesengroß, trägt Kleidung, wie man sie vor zwei Jahren trug, hat einen verhältnismäßig etwas zu großen Kopf und ist so muskulös, dass er definitiv regelmäßig das Fitnessstudio besuchen muss. Ich erfahre ungefragt, dass er Lehramt auf Geografie und Sport studiert hat.

Das Gespräch ist unangenehm und zäh, er redet viel mehr als ich und ich frage mich dabei die ganze Zeit, ob er sich seinen schiefen Zahn bei einer Schlägerei zugezogen hat.

Mit “Wir sehen uns!” endet die Begegnung. Tatsächlich werden wir uns in naher Zukunft noch öfter sehen.

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