3. Tag (Sonntag)

Um 3 Uhr wache ich auf. Ein lautes Klirren durchbricht die Stille der WG. Ich schrecke hoch und wanke schlaftrunken in die Küche. Ich sehe Scherben meiner Glasschüssel, Blut und Lisa. „Sorry Jonas, es tut mir so leid. Ich wollte gerade und dann… Naja – du siehst es ja.“ Ich helfe ihr schweigend, alles wegzuräumen. Ihre Schnittwunde am Finger ist nicht der Rede wert. Ich gebe ihr ein Pflaster und sie klebt es auf. „Wolltest du nicht eigentlich erst am Montag kommen?“ Es wird still. Diese Frage weicht ihr Gesicht auf, ihr fließen die Tränen über die runden Wangen. „Was ist denn los?“ Sie vergräbt ihr Gesicht in ihrem grauen „Hard Rock Cafe – Niagara”-Shirt, welches durch ihre Tränen dunkle Flecken bekommt. „Ich weiß nicht was los ist, aber scheinbar ist es aus.“, schluchzt sie.

„Was ist aus?“ „Das mit mir und Pascal!“

Diese Information ist für mich so niederschmetternd, dass mir das Gesicht komplett einfriert. Pascal und Lisa waren tatsächlich seit der 8. Klasse ein Paar. Sie studierten gemeinsam, gingen zusammen Tennis spielen, ihre beiden Familien waren de facto eine Familie und nie hätte auch jemand nur im Traum daran gedacht, dass sie sich trennen könnten.

„Er hat mich mit dem Zimmermädchen betrogen. Ich kam gerade vom Strand. Kann man so blöd sein? Es hat ihm nicht einmal weh getan. Wahrscheinlich ist er immer noch dort auf Drecks-Kreta.“

Ich hole Whisky aus meinem Zimmer und schenke Lisa und mir einen ordentlichen Schluck in ein Saftglas ein.

„Willst du mit Cola mischen?“, frage ich sie. „Bitte nicht.“, entgegnet sie resigniert.

Wir sitzen still beieinander. Irgendwie mag ich die Situation. Es spiegelt genau meine Realität wieder: Zerstörung, Zerfall und Übermüdung. Und all das Mitten in der Nacht. Ich biete ihr eine Zigarette an und sie nickt leise. Lisa ist vierundzwanzig und die Menge der Zigaretten, die sie bisher in ihrem Leben geraucht hat, lässt sich an zwei Händen abzählen. Sie ist eines der Mädchen, die in der Schule selten etwas vergaßen. Und wenn sie etwas vergessen hatte, war es ihr sehr peinlich. Sie ist eines der Mädchen, die ihrem Freund den wunderschönsten Geburtstag bereiten und sich dabei jedes Mal vollkommen selbst vergessen. Sie ist eines der Mädchen, die Prinzipien haben und sich durch nichts und niemanden von diesen abbringen lassen. Sie ist eines der Mädchen, die man mag, weil sie etwas Gutes in der Welt verkörpern.

„Warum, Jonas? Warum hat er das getan?“

Mir fallen sofort Gründe ein, aber alle sind zu hart und greifen unter Umständen auch viel zu kurz. Ich schaue sie nur an und sage: „Ich weiß es nicht.“

„Wir sind seit 10 Jahren zusammen, verdammt. Was soll ich denn jetzt machen?“

Lisa ist für mich immer nur eine Mitbewohnerin gewesen. Sie ist die Mitbewohnerin im wörtlichen Sinn. Nie nahm ich sie als potenziell interessante Frau wahr, weil sie fast immer nur mit Pascal in unserer Zweier-WG hauste. Die beiden erschienen mir immer wie eine perfekte Symbiose, weniger als eigenständige Menschen. Sie gehörten zu den Paaren, die man immer nur in der „Ihr-Form“ anschrieb oder ansprach. Dass die beiden ab sofort nicht mehr zusammen sein sollen, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Sechs Jahre kenne ich die beiden jetzt schon. Und von jetzt auf gleich soll alles vorbei sein?

„Jonas, du wirkst auch irgendwie traurig.“

Das ist Lisa, selbst im größten Schmerz sieht sie auf andere.

Ich ziehe den Rauch der Zigarette ein und blase ihn in den kalten Sternenhimmel. Mir gefällt diese Rolle. Der einsame, traurige Wolf. Und genau in diesem Moment habe ich eine Gefährtin neben mir.

Lisa erscheint mir ganz anders. Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass ich wirklich mit ihr spreche und dass wir nicht nur reden.

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