1. Tag (Freitag)

Ich wache um 9 Uhr auf, lese die Nachricht erneut und muss herzhaft lachen. Danach werfe ich mein Handy in hohem Bogen auf das Bett und ziehe mich an. In acht Tagen wird mein Referendariat beginnen und heute lerne ich meine Mentorinnen kennen. Darauf sollte ich mich nun konzentrieren.
Bisher kenne ich nur ihre Namen: Frau Bischof und Frau Thiel. Sie stehen auf dem Formular mit der nichtssagenden Überschrift “Referendariatsbogen”. Nun muss ich also zurück in die Schule.

Ich schmeiße Quark, Banane, Haferflocken und eine zerstückelte Birne in eine Schüssel und esse alles in wenigen Minuten auf. Einen Kaffee besorge ich mir wie immer am Bahnhof, wahrscheinlich auch deshalb, weil es so unglaublich cool wirkt, wenn ich ihn beschäftigt unterwegs trinke.

Die Schule befindet sich eine halbe Stunde zu Fuß von meiner WG entfernt und ich weiß insgeheim, dass jetzt eine neue Zeit anbrechen wird. Eine Zeit, die mein bisheriges Leben gehörig umkrempelt. Anerkennen will ich das nicht. Noch nicht.

Routiniert bezahle ich meinen Kaffee und gehe mit großen Schritten aus dem Bahnhofscafé. Ich spiele “erwachsen sein”, aber irgendwie fühlt es sich alles an wie Karneval. Und ich trage das falsche Kostüm.

40 Minuten später gehe ich in das altehrwürdige Gebäude, in dem bereits meine beiden Mentorinnen auf mich warten sollen. Hektisch schaue ich in meine Unterlagen, denn ihre Namen habe ich bereits wieder vergessen. “Okay. Frau Bischof und Frau Thiel”, hämmere ich es mir in meinen Kopf.
Die Tür zu dem leeren Lehrerzimmer steht offen. Ich betrete den großen Raum. Er riecht kalt. Noch acht Tage sind es bis zu Beginn des neuen Schuljahres. “Wo sind sie denn jetzt?”, frage ich mich. Die Schule wirkt menschenleer.

Ich versuche es im Sekretariat. Dort stehen drei Frauen, die so wirken, als treffen sie sich dort jeden Tag. Die so wirken, als liebten sie, was sie tun. Irgendwie gefällt mir dieser Anblick auf Anhieb. 

“Guten Morgen, ich suche Frau Thiel und Frau Bischof. Ich bin Herr Gabelein.”
Die Münder der drei Frauen formen ein synchrones Lächeln. “Wir haben Sie schon erwartet. Haben sie gut hergefunden?”
“Ja, natürlich. Ich hab es ja auch wirklich nicht weit!”

Ein kurzer, unangenehmer Moment der Ruhe entsteht, den die kleinere von ihnen, eine blonde Frau mittleren Alters, schnell mit den Worten “Die eine haben Sie schon gefunden. Ich bin Frau Bischof, wir arbeiten in den kommenden 18 Monaten zusammen.” durchbricht. “Na, kommen Sie mal mit!”
Wir gehen den langen Gang entlang und sprechen kein Wort. Sie biegt nach links ab und öffnet mit ihrem großen Schlüsselbund die Tür zu einem Zimmer, dass im Gegensatz zu den restlichen keine Nummer trägt. 

„Das ist unser Reich“, sagt sie. Sie meinte damit, dass es sich hier um das Vorbereitungszimmer handelt. Es riecht ein wenig wie in einer Bibliothek, die ewig nicht gelüftet wurde. Ich sehe mich interessiert um. 
„Wo haben Sie denn studiert?“ Sie klingt dabei, als würde sie das tatsächlich interessieren. 
„In Dresden, fünf Jahre lang.“ „Ach. Und wohnen Sie dort noch?“ „Ja genau, in einer WG.“ Frau Bischof verzieht keine Miene.

Stattdessen knallt sie mir drei gleich große Bücher in unterschiedlichen Farben auf den Tisch und zeigt mit ihrem langen Zeigefinger auf das orangene unter ihnen. „Das hier wird besonders wichtig für Sie werden.“ 

Ich frage: „Wieso?“ Sie reißt ihren Kopf hoch und schiebt die viel zu rote Brille langsam auf die Nasenspitze. „Sie werden eine 6. Klasse bekommen. Das ist meine eigene und ab nächstem Schuljahr unsere gemeinsame Klasse. Die haben es ganz schön in sich.“ Nach dem letzten Satz kichert sie etwas zu laut. 
„Haben Sie Fragen?“ Ich weiß, dass man in einem solchen Moment eigentlich Fragen haben sollte, aber ich habe keine, die mir tatsächlich auf der Zunge brennen. Aus diesem Grund frage ich: „Gibt es denn Sozialformen, die die Kinder besonders mögen?“ 

Sie mustert mich vielsagend und antwortet: „Ja, die machen tatsächlich sehr gern Partnerarbeit. Aber da müssen Sie natürlich aufpassen, dass es nicht zu laut wird.“ 
Ich nicke eifrig und packe die Bücher in meinen graumelierten Rucksack.

„Möchten Sie einen Kaffee oder Tee?“ „Gern Kaffee.“ Ich versuche cool zu wirken, bin aber alles andere als das. Wir gehen zurück in das Lehrerzimmer.
Dort befindet sich niemand und irgendwie ist mir das unangenehm. Meiner neuen Mentorin scheinbar auch. Frau Bischof setzt Kaffee an und verlässt wortlos den Raum. Ich betrachte ihre blond gefärbten Haare, die genauso streng wirken wie sie. Ich überlege weiter, was ich sie fragen könnte. Etwas Privates erscheint mir unpassend, etwas Fachliches zu verfänglich. 

Ich packe meinen Rucksack aus, um irgendwie beschäftigt zu wirken. 
Die Tür des Lehrerzimmers geht auf, der Kaffee tropft in die Kanne. 
„Oh, hi.“, sagt eine vertraute Stimme. Ich werfe einen Blick in ihre Richtung und sehe Trixi. „Hey … na?“ ist das einzige, was mir einfällt. Echt schlagfertig. „Möchtest du auch einen Kaffee?“ Trixi sieht mich mit ihren wunderschönen Augen an und nickt kaum merklich. Sie trägt eine olivgrüne Collegejacke und wirkt, als sei sie die beste Version ihrer selbst geworden. Dabei strahlt sie eine ungeheure Selbstsicherheit aus – man könnte denken, sie habe das Referendariat bereits erfolgreich bestanden. 

„Ah, Frau Müller, schön dass Sie da sind!“, flötet Frau Bischof Trixi bei ihrer Rückkehr in das Lehrerzimmer zu. Meine Befürchtung bestätigt sich eine Minute später. Frau Bischof ist nicht nur meine Mentorin, sondern auch die von Trixi.

„Wie dem auch sei… dann können wir ja direkt alles gemeinsam besprechen.“ 

Natürlich bleibt mir nichts anderes übrig. So sitzen wir wenig später gemeinsam im Lehrerzimmer bei Kaffee, vielen Büchern und den Planungen für das kommende Schuljahr. 

Es wird 11.00 Uhr und ich bekomme so langsam Hunger. Ich frage, woher man hier etwas zu Essen bekommt und Frau Bischof gibt mir haargenau Auskunft. Wir vereinbaren, uns in einer Stunde wiederzutreffen. 

Ich bin bereits auf dem Weg nach draußen als mir Trixi hinterher ruft: „Warte mal, ich komme mit.“ Dieser Satz versetzt mich vier Jahr zurück und lässt mir ein Bild in den Kopf schießen, welches ich bereits verdrängt hatte. 

Trixi begleitete mich damals auf die WG-Party eines guten Freundes. Unglaublich viele Menschen waren da und ich war stolz, dass sie meine Begleitung darstellte. Sie gehört zu den Frauen, die wenig Zeit vorm Spiegel benötigen und trotzdem bezaubernd aussehen. Ihre langen, schwarzen Haare sind ihr Markenzeichen. Und sie weiß es, ihr Aussehen gekonnt einzusetzen. 

Wir rauchten und tranken in dieser Zeit viel zu viel. Wir waren gern jung und wild und dachten nie darüber nach. Als wir auf dieser Party waren, kannten wir uns gerade einmal zwei Monate. Alles war frisch, wenig verbindlich und aufregend. Die 3-Raum-Wohnung war überfüllt, sodass wir immer wieder in den Hausflur gingen. Trixi war so betrunken, dass ich sie festhalten musste, weil sie sonst beinahe die Treppen hinunter gefallen wäre. Wir lachten und die Nachbarn kamen aus den Türen. Da waren wir im zweiten Semester. 

In dieser Nacht tauchte dann plötzlich Mark auf. Mark und Trixi kannten sich bereits seit der 5. Klasse und man musste kein Profi sein, um zu erkennen, dass er mehr in ihr sah als eine alte Bekannte. Auch Trixi wusste davon, sie hatte es mir einmal erzählt. Auch, wie sehr Mark ihren jetzigen Lebensstil verabscheute und wie wenig Verständnis er dafür hatte, dass sie sich nach ihrer gemeinsamen Zeit so verändert hatte. Mark und Trixi waren in der Zeit des Abiturs fürs zwei Jahre zusammen. Sie ging für ein halbes Jahr nach Australien und von da an sahen sie sich nur noch sporadisch. 

Mark war bodenständig, stammte aus einem harmonischen Elternhaus und war damit das komplette Gegenteil von mir.

Aus irgendeinem Grund war ich eifersüchtig auf ihn. Ich mochte es nicht, dass er da war. Trixi umarmte ihn innig und gab ihm einen Kuss auf die Wange, welcher einen Abdruck in seinem Gesicht hinterließ. 

Er fragte nur, ob er ihr ein Wasser holen solle, was sie schwankend verneinte. Irgendwie konnte ich den Anblick nicht ertragen. Ich ging zu Trixi, bedankte mich scheinheilig für den „schönen Abend“ und war im Begriff zu gehen. Immer wenn Schwierigkeiten auftauchen, tu ich das. Ich renne weg, um Problemen und vor allem mir selbst aus dem Weg zu gehen. 

Ich hasste ihn in diesem Moment, aber vor allem hasste ich mich selbst. 

Ich krachte die WG-Tür zu, zog hastig meine Schuhe an und suchte nach meinem Smartphone. Jetzt half nur noch die richtige Musik. Ich wählte „When you were young“ von The Killers und verließ das Treppenhaus. Ich war bereits kopflos auf der Straße, als mir jemand unsanft die Kopfhörer aus den Ohren zog. Es war Trixi. „Warte mal, ich komm mit.“

Ich habe den Eindruck, dass von der früheren Trixi nicht mehr viel übrig geblieben ist. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll. Wir gehen wortlos den von Frau Bischof beschriebenen Weg zum „Bosporus-Imbiss“. Das Lokal ist in einem annehmbaren Zustand und hätte auf TripAdvisor wohl 4 von 5 Sternen erhalten. Die Frau hinter der Kasse ist überfreundlich und es riecht angenehm nach warmem Essen. Wir bestellen und gehen aus dem Laden. Draußen sind es 28 Grad und wir setzen uns unter die Überdachung. Hier sind wir die einzigen. 

„Wo wohnst du jetzt eigentlich?“, möchte ich unbeholfen wissen. 

„Deswegen bin ich nicht mit dir hier.“ entgegnet Trixi schnippisch. „Es wird das letzte Mal sein, dass wir hier gemeinsam essen. Würdest du mir jetzt bitte verraten, was diese Show soll? Meinst du ich durchschaue nicht, dass du extra an diese Schule gekommen bist, an der ich bin? Und super, jetzt haben wir auch noch die gleiche Mentorin! Findest du nicht, dass das ein sehr großer Zufall ist?“ 

„Trixi, ich kann doch nichts dafür. Ich habe mich in diesem komischen Portal eingeschrieben und die Schule hier wurde mir zugewiesen.“

Die Frau hinter der Kasse serviert uns lächelnd zwei dampfende Schüsseln. Ich esse einen Kebabteller und sie die vegetarische Variante. Wir schweigen uns an, sodass die Frau, die nun an die Kasse zurückgekehrt ist, denkt, sie habe irgendetwas falsch gemacht. 

„Gestern dachte ich noch, dass ich das problemlos kann, aber je mehr ich darüber nachdenke, wird mir klar, dass einer von uns gehen muss. Und ich glaube, das solltest du sein.“

Mir fällt die Kinnlade gefühlt bis auf den vor mir stehenden Glastisch. Ich bin in meinem Leben schon öfters sprachlos gewesen, aber das ist eine neue Dimension. Ich schaue sie an und sie hält meinem Blick stand. Sie meint es ernst. 

„Nein, das geht nicht. Ich weiß nicht, ob ich einen neuen Platz bekomme und außerdem bin ich froh hier an dieser Schule zu sein.“

„Ach, du bist froh, an dieser Schule zu sein? Wie süß. Weißt du eigentlich noch, was du mir angetan hast? Wie sehr ich deinetwegen gelitten habe? Und jetzt soll ich wahrscheinlich mit dir gemeinsam Verlaufspläne auswerten und mir spannende Einstiege überlegen. Du tickst doch nicht ganz richtig.“

Traurig und schockiert stochere ich in meinem Essen herum, welches unter Normalbedingungen vorzüglich geschmeckt hätte. 

Wir gehen getrennt zurück in die Schule.

„Frau Müller, Sie sind ja wirklich schon sehr gut vorbereitet. Ich habe erstmal nichts mehr mit Ihnen zu besprechen. Wir sehen uns dann in der Vorbereitungswoche. Ich freue mich auf die gemeinsame Zeit. Herr Gabelein, wir müssten allerdings nochmal sprechen.“ 

Ich stimme natürlich zu und verabschiede mich von Trixi. Sie verabschiedet sich auch, ohne mich dabei eines Blickes zu würdigen und geht aus dem Lehrerzimmer. 

„Ja, also, Herr Gabelein. Sie müssen sich hier wirklich noch etwas mehr an Frau Müller orientieren. Das Referendariat beginnt zwar erst, doch es ist wirklich zu empfehlen, dass Sie schon einige Planungen parat haben. Im Referendariat selbst wird Ihnen dafür oft die Zeit fehlen. Wir können dazu auch gern noch einmal sprechen.“

Ich höre Frau Bischof gar nicht wirklich zu und bin innerlich noch immer in der Szenerie des „Bosporus-Imbiss“ gefangen. 

Was meint sie eigentlich mit der Aussage, sie habe gelitten? Ich weiß nichts damit anzufangen, will es im Moment aber auch nicht herausfinden.

 

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